Zwischen Currywurst und kurzen Hosen – wie der VfL wieder Hoffnung lernte
Es gibt Phasen im Fußball, da fühlt sich jedes neue Wort an wie ein Statement. Und Phasen, in denen Schweigen ehrlicher wirkt als jede Analyse. Lange ist hier nichts erschienen. Aus Gründen. Recherche, Technik, Leben – alles dabei. Geloben wir Besserung. Der VfL Bochum jedenfalls hat sich in dieser Zeit nicht zurückgezogen, sondern ist einmal mehr durch den Schlamm gekrochen, um anschließend – zumindest vorerst – wieder aufzustehen.
Totgesagte leben länger. Diese alte Fußballweisheit gilt an der Castroper Straße bekanntlich besonders hartnäckig.
Der Klub lag am Boden. Mal wieder. Und wie so oft beim VfL Bochum schien der Abgrund näher als das rettende Ufer. Tabellenplatz 17, der Blick nervös nach unten, das Umfeld im bekannten Bochumer Spannungszustand zwischen Fatalismus und Trotz. Und dann kam plötzlich ein Mann um die Ecke, der offenbar beschlossen hatte, den Winterkampf im Sommerdress zu führen: Uwe Rösler.
Rösler tauchte auf, fast geräuschlos, und gewann die Herzen der Malocher mit einem Satz, der im Ruhrgebiet seit Jahrzehnten zuverlässig funktioniert:
„Hallo, ich bin der Uwe.“
Keine PowerPoint, kein Pathos, kein Buzzword-Bingo. Genau so, wie man es im Land der aufgehenden Currywurst mag. Schwätzer hatte man genug.
Abseits dieses ersten Auftritts wirkte Rösler zunächst knochig, nüchtern, beinahe spröde. Sein Ziel formulierte er ohne Umschweife: Klassenerhalt. Für nichts anderes sei er geholt worden. Mehr nicht. Weniger aber auch nicht. Zu diesem Zeitpunkt drohte der VfL endgültig den Anschluss an das Tabellenmittelfeld zu verlieren. Der Kader, zusammengestellt von Dirk Dufner und Dieter Hecking, war – und ist – unausgeglichen. Eine Hypothek, die diese Saison nicht mehr verschwinden wird.
Vor dem Heimspiel gegen Hertha BSC folgte dann der Moment, der inzwischen ins Bochumer Folklore-Repertoire eingegangen ist: Rösler in kurzen Hosen vor der Ostkurve, die Menge anheizend wie ein Capo mit Trainerlizenz. Ein riskanter Auftritt. Denn in Bochum verzeiht man vieles – aber keine peinlichen Gesten ohne sportliche Deckung.
Der VfL lieferte. 3:2 gegen den Favoriten aus Berlin, kämpferisch, überraschend sauber gespielt. Über den Elfmeter, den Herthas Aushängeschild Reese noch erschlich, reden wir lieber nicht weiter. Das erledigt der Videobeweis der Geschichte.
Was folgte, war kein Rausch, sondern etwas viel Ungewohnteres: Stabilität. Ein erzwungenes 1:1 in Kiel, dann der beinahe schon freche Pokalsieg in Augsburg. Rösler stellte um, unorthodox, pragmatisch – und brachte Sandro Wagners Mannschaft damit spürbar ins Schleudern.
Und ja: Sechs-Punkte-Spiele sind beim VfL traditionell eher ein Kapitel für die Kategorie „selbstverschuldete Tragödien“. Mecker-Willi am Tresen weiß das. Der VfL auch.
Gegen Magdeburg aber wurde tatsächlich gewonnen. 2:0. Plötzlich zeigte auch die Tabelle so etwas wie Hoffnung. In Braunschweig legte man nach, Timo Horn hielt einen Elfmeter gegen Sebastian Polter – ein Satz, der immer noch klingt wie ein schlecht gealterter Schalke-Witz.
Der erste Dämpfer kam gegen Dynamo Dresden. 1:2. Alte Bochumer Reflexe meldeten sich zurück. Ordnung? Wacklig. Konzentration? Situativ. Zur Wahrheit gehört aber auch: Mit Rösler kam nicht nur Struktur zurück, sondern auch das Spielglück. Und ein Torwart, der Dinge hielt, die eigentlich Gegentore waren.
Der Kader bleibt ein Flickenteppich. Kjell Wätjen spielt dort, wo gerade jemand fehlt. Gerrit Holtmann fehlt komplett – und plötzlich merkt man, wie sehr man sich an Chaosläufe als Spielidee gewöhnt hatte. Abgesehen vom zentralen Mittelfeld, das fast schon absurd überbesetzt ist, wirkt der Rest erstaunlich dünn.
Im Sturm tritt Ibrahim Sissoko, der gerüchteweise auch finanziell ein großes Investment gewesen sein soll, lange auf der Stelle. Michael Obafemi behandelt seine Leihe offenbar wie ein Pflichtpraktikum. Philipp Hofmann hingegen sammelt wieder Tore und Assists – und profitiert sichtbar vom Zusammenspiel mit einem Zehner oder einer falschen Neun wie Francis Onyeka. Welcher zugleich auch der aktuell erfolgreichste Torschütze beim VfL ist.
Nach Verletzungen meldeten sich Koji Miyoshi und Ibrahima Sissoko zurück. In Fürth überrollte man einen Gegner, der sich freundlich zur Verfügung stellte. 3:0 nach 17 Minuten. Standards funktionierten plötzlich. Auch das gibt es wieder in Bochum.
Im Pokal gegen Stuttgart dann wieder Normalbetrieb: anständig gespielt, wenig belohnt. Eigentor, zweifelhafte rote Karte gegen Strompf, Spiel erledigt. Willkommen zurück in der Realität.
Also: Mund abputzen, weitermachen.
Gegen Arminia Bielefeld – dieses sogenannte Derby, für das man erst einmal quer durch NRW fahren muss – erledigte Philipp Hofmann die Sache nüchtern. Während die Ostwestfalen mit Nebel, Kerzen und Selbstinszenierung um Anerkennung bettelten, stand am Ende ein 1:0 für Bochum. Reichte völlig.
Zuletzt merkte man dem Kader aber an, dass eine Pause dringend nötig ist. Nicht nur wegen Holtmanns Meniskus-OP und der Hoffnung auf seine schnellen Konterläufe. Dem hart erkämpften 0:0 beim Aufstiegsfavoriten Hannover 96 folgte ein 2:2 gegen den Karlsruher SC, der im Vorfeld schwachgeredet worden war – aber keineswegs schwach auftrat. Bochum ließ über weite Strecken den Einsatz vermissen, der zuvor das Markenzeichen gewesen war. Am Ende lag nur ein Punkt unterm Weihnachtsbaum.
Und doch: Uwe Rösler hat etwas geschafft, das nach dem Spiel in Kaiserslautern kaum jemand für möglich hielt. Aus einer bunt zusammengewürfelten Truppe wurde eine Mannschaft, die gewinnen kann. Die Punkteausbeute spricht für sich. Die Liga ist eng wie eh und je, aber die Hoffnung auf den Klassenerhalt ist deutlich gewachsen.
Von Aufstiegsträumen sollte man dennoch Abstand nehmen. Dafür ist dieser Kader personell schlicht nicht gebaut. Und selbst wenn das Unwahrscheinlichste eintritt: Mit welchem Personal gedenkt man, die nächste Saison zu bestreiten? Schon in der zweiten Liga wird es schwierig, wenn Leihspieler wie Onyeka, Wätjen oder Morgalla voraussichtlich nicht bleiben werden.
Aber das ist Zukunftsmusik. Für den Moment reicht vielleicht diese Erkenntnis: Der VfL lebt. Mal wieder. Und manchmal ist das im Ruhrgebiet schon Grund genug, sich ein weiteres Spiel anzusehen – mit kurzen Hosen, versteht sich.
Frohe Weihnachten und Glück auf.
